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Bericht

Geld frisst Welt - Wie unser krankes Geldsystem die Welt zerstört

Die Finanzmarktkrise verstehen, erfordert Weiterbildung zu den Zusammenhängen. So eröffneten wir das neue (Bildungs-)Jahr mit Grundlegenden.
Eckhard Rülke von Attac Chemnitz wurde zu einem Diskussionsabend unter obigen Titel eingeladen. Vor ca. 20 Interessierten gab er eine kurze Einführung in die Geschichte des Geldes, angefangen als Tauschäquivalent hin zur Entwicklung des Kreditgeldes.
Dann die erste spannende Frage, wie entsteht Geld heute? Nach verschiedensten Vorschlägen aus dem Publikum, die Erklärung. Am Anfang steht Nichts. Ein Bearbeiter einer privaten Geschäftsbank eröffnet für einen Kreditinteressierten nach Prüfung der Solvenz ein Guthabenkonto über 1.000.000€ und ein Kreditschuldkonto über die gleiche Summe. Das war es. Schon ist eine zusätzliche Million Euro entstanden, die es vorher nicht gab. Der Fachbegriff heißt Geldschöpfung.
Zahlt der Schuldner das Geld zurück, ist es wieder verschwunden. Aber das reicht nicht, denn er muss mehr zurückzahlen - auch Zins genannt. Diese Zinsen sind auch Geld. Aber dieses ist bei dem Kredit nicht mit entstanden. Woher kann es dann herkommen? Es kann nur auf dem gleichen Weg entstehen, wie die Schuldsumme selbst, also durch Ausreichung eines weiteren Kredites - irgendwo an irgendwem.
Das zeigt den Teufelskreis: Dieser Prozess erfordert eine immer größere Ausweitung der Geldmenge: Sie muss jedes Jahr mindestens um die Summe aller Zinsen und Renditen wachsen, damit das Geld, was den Berechtigten gutgeschrieben werden muss, überhaupt existent ist.
Der Zins ist für das langfristige Funktionieren des Geldsystems schädlich.  Erkannt wurde dies schon frühzeitig. So sagt der Prophet Moses im Alten Testament: „Du sollst dein Geld nicht auf Zinsen ausleihen, noch deine Speise auf Wucher austun“ und der Apostel Matthäus berichtet wie Jesus die Geldverleiher aus dem Tempel vertrieb: „Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus sein. Ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht.“ Der Islam verbietet im Koran auch heute noch den Zins.
Eckard Rülke will aber soweit nicht gehen, er sieht den Zins auch als notwendiges dämpfendes Regulativ bei der Kreditvergabe. Dies forderte den Widerspruch einiger Anwesender hervor und es entspann sich eine Diskussion zu diesem Thema.
Nachdem 1971 die im Abkommen von Bretton-Woods vereinbarte Golddeckung des US-Dollar aufgekündigt wurde wandelte sich das alte IWF-System der festen Wechselkurse in das heute übliche Flowting-System. Alles Geld ist nun nur noch durch das Vertrauen in seine Kaufkraft gedeckt: Man ist bereit für Geld eine Leistung zu erbringen, weil man darauf vertraut, sich morgen für dieses Geld andere Leistungen oder Waren kaufen zu können.
Das hat bisher ganz gut funktioniert. Aber wehe, wenn es erschüttert wird. Dann bricht Panik aus vor dem freien Fall, der nur durch Wiedergewinnung des Vertrauens aufgehalten werden kann.
Aber: Der Mechanismus der Geldentstehung bei privaten Banken schert sich um die Kaufkraftdeckung wenig, wenn der Profit winkt. Und so wächst die Geldmenge seit Jahrzehnten immer schneller. Und wir versuchen vergeblich durch Wirtschaftswachstum Gegengewicht zu erzeugen.
Da hilft nur noch verschleiern. Eckard verwies darauf, dass seit 1997 die Deutsche Bundesbank die Geldmenge nicht mehr veröffentlicht. Nur die monatlichen Differenzen werden ausgewiesen. Und die Art der Darstellung wird laufend verändert (vergl. Homepage Bundesbank/Statistik/EWU, Geldmengenaggregate/Zeitreihen). Ja warum wohl? Weil Geldmengenwachstum exponentiell nach oben geht. Momentan über 13% pro Jahr, Tendenz steigend. Das Wirtschaftswachstum liegt aber langfristig nur um 1,5%.
Wohin also mit der unvorstellbar riesigen Menge „überschüssigen“ Geldes? Da kommt entgegen, dass der größte Teil des Vermögens weltweit bei den reichsten 10% der Bevölkerung liegt. Klar, dass dieses Geld bei dieser Konzentration nicht für Konsum verbraucht wird. Soviel Waren wären gar nicht da. Aber die Sportart der Reichen ist, noch reicher zu werden. Mangels Wirtschaftswachstum lohnt sich die Geldanlage in der Realwirtschaft immer weniger. So investiert man im so genannten Finanzmarkt. Das ist so ähnlich wie Pferdewetten, nur dass die Renditeforderungen daraus auf die Realwirtschaft durchschlagen: Devisenspekulationen verteuern Importe, Hypothekenspekulationen bringen kleine Leute um ihr Häuschen – wie man aktuell sieht. Wobei m.E. diese Wirtschaftskrise nicht nur auf die des Finanzmarktes zurückzuführen ist.
Die noch bessere Möglichkeit, überschüssiges Geld zu investieren, ist der Marktbereich mit den garantierten Gewinnen: Die Rüstung. Käufer (Staaten) sind fast unbegrenzt solvent. Man muss nur für eine Bedarfssituation sorgen(„Bedrohungslage“, Vertrag von Lissabon §28a) und dafür, dass das Zeug auch ab und zu verbraucht wird.
Nun aber wurde die Frage diskutiert, was tun, wie raus aus dem Dilemma. Angesprochen wurde das eigene Handeln, nicht auf „Pump“ zu leben und sich dem Konsumwahnsinn zu entsagen. Ein anderer Ansatzpunkt war der, die Reichen der Welt an ihrer Ehre zu packen, ausgehend von dem Willen eines jeden Menschen eine geachtete Stellung in der Gesellschaft einzunehmen, genau dieses Verhalten zu „ächten“. Dies kann aber nur in einer breiten gesellschaftlichen Bewegung durch Information und Diskussion geschehen. Angesprochen wurde auch der Aufbau von Regionalwährungen, wobei Eckard darauf verwies, dass diese für regionale Wirtschaftskreisläufe gut sind, aber für das funktionieren der globalen Welt ungeeignet sind.
Das diese Veranstaltung keine Rezepte geben würde, war vorher schon klar, aber dass sie Menschen zum Nachdenken und Diskutieren anregt, dieses Ziel hat sie erreicht.
Abschließend noch ein von Eckhard zitierter Satz aus einer Prominenten-Talkrunde: Im Vergleich mit der Klimaproblematik ist die aktuelle Finanzkrise ein Unwetter, das wir gerade erleben. Die eigentliche Klimakatastrophe aber, ist unser Geldsystem.

PS: Henry Ford soll mal gesagt haben: "Es ist überaus gut, dass die Bürger dieser Nation unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen, denn wenn sie es täten, dann gäbe es eine Revolution vor morgen früh." – Dabei war es zu seiner Zeit noch vergleichsweise solide.